Die State Library Victoria ist ein Gebäude, das Ernsthaftigkeit ausstrahlt. Der Lesesaal, 1913 fertiggestellt, hat eine Kuppel, die einen vergessen lässt, dass man in einer Forschungsbibliothek und nicht in einer Kathedrale sitzt. Vielleicht ist das kein Zufall.
Ich war drei Wochen dort, um die Bestände zu den deutsch-jüdischen Emigranten der 1930er und 1940er Jahre zu sichten. Was ich gesucht hatte: Spuren von Lion Feuchtwanger, der 1940 nach Pacific Palisades emigrierte, und von Mitgliedern der kleinen deutschen Gemeinschaft, die in Melbourne eine neue Existenz aufgebaut hatten.
Was ich fand, war zunächst weniger spektakulär — und dann viel mehr. In einem kaum erschlossenen Depositum stießen wir auf mehrere Briefe, die 1938 zwischen dem Sekretär der Australian Aborigines’ League und dem deutschen Konsulat gewechselt worden waren.
Dass eine Gruppe von Aborigines außerhalb des deutschen Konsulats in Melbourne gegen die Gewalt an deutschen Juden protestierte — und dies schriftlich dokumentiert wurde — ist ein Fund, der mich nicht loslässt.
Ich komme zurück nach München mit mehr Fragen als Antworten — was, glaube ich, ein gutes Zeichen ist.